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"Wir können nicht alle Deutsche sein!"
13.05.2016


Am 23. Mai 2016 hat der ehemalige Berliner NOS-Korrespondent Wouter Meijer an der DISDH aus seinem im Februar diesen Jahres erschienenen Buch "We kunnen niet allemaal Duitsers zijn" gelesen. Organisiert von der "Genootschap Nederland Duitsland", erhielten die etwa 40 Gäste einen interessanten Einblick über aktuelle politische und gesellschaftliche Entwicklungen in Deutschland - wiedergegeben aus niederländischer Perspektive. Auch wurden die Fortschritte des deutsch-niederländischen Verhältnisses angesprochen. Volkskrant-Redakteur und Moderator der Veranstaltung Sander van Walsum leitete das interessante Gespräch, in dem deutsch-niederländische Klischees nicht fehlen durften.

Vor der Veranstaltung hatte Christian Hauska von der DISDH die Möglichkeit, mit dem Autor über sein Buch zu sprechen.

"We kunnen niet allemaal Duitsers zijn" - warum haben Sie diesen Buchtitel gewählt?

Als ich nach meiner Zeit als Korrespondent in Berlin in die Niederlande zurückkehrte, dachte ich nicht, dass ich ein Buch schreiben würde. Viele Korrespondenten tun das. Aber ich hatte dieszunächst nicht vor. Einige Zeit später mehrten sich jedoch die Anfragen. Hinsichtlich vieler Entwicklungen in Deutschland wurde ich als ehemaliger Korrespondent angesprochen. Es gab viel Bedarf an Informationen über Deutschland und dass man sich als Niederländer mit seinem Nachbarn beschäftigen muss. Viele Niederländer wissen nur wenig über Deutschland. Das merkte ich auch, als ich noch Korrespondent war. Oft wurde gefragt, wer diese Frau Merkel nun eigentlich ist. Sie erschien vielen als eine rätselhafte Person. Auch weil Deutschland viel besser durch die Wirtschaftskrise kam, fragten sich viele Niederländer: Was können wir von Deutschland lernen? Nach der Energiewende und der Flüchtlingsproblematik schauen stets mehr Niederländer über die Grenze, in der Hoffnung bestimmte Strategien kopieren zu können. Da spielen Neugier, Bewunderung, aber auch Eifersucht oder Missgunst eine Rolle, weil man bestimmte Dinge auch hier gern hätte. Im Jahr 2013 zur Zeit der Bundestagswahlen wurde in den Medien viel über Deutschland geschrieben und manchmal kam auch der Gedanke auf, ob man sich Deutschland anschließen könne - vielleicht gar als 17. Bundesland. Aber das geht natürlich nicht. Der Titel hat also auch das Ziel, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und zielt ein bißchen ab auf die schon angesprochene Missgunst und Eifersucht vieler Niederländer. Bestimmte Dinge sind hierzulande einfach nicht möglich. Zwischen Niederländern und Deutschen bestehen noch immer viele Unterschiede.

Sie haben mit diesem Buch also u.a. auf den Informationsbedarf in den Niederlanden über Deutschland reagiert?

Ja. Als Korrespondent kann man nicht alle Dinge thematisieren, die man gern ansprechen möchte. Man besitzt eine große Bühne, hat aber wenig Zeit zu informieren. Mit diesem Buch habe ich die Möglichkeit genutzt weiter in die Tiefe zu gehen, bis zurück in meine Schulzeit in West-Berlin in den Achtzigern, wo Berlin noch durch die Mauer getrennt war.

Vor einigen Jahren hat Merlijn Schoonenboom ein Buch mit ähnlichem Inhalt geschrieben. Als ich den Titel Ihres Buches gelesen habe, dachte ich zunächst: "Schon wieder ein Buch aus niederländischer Feder, in dem mit dem Zeigefinger kritisch auf Deutschland gezeigt wird."

Der Titel des Buches ist in der Tat weniger bewundernd als der von Merlijns Buch "Waarom we opeens van de Duitsers houden" (Warum wir auf einmal die Deutschen mögen). In seinem Buch ging es in einer früheren Phase eher um eine Art "Coming out". Stets mehr Niederländer bekannten sich dazu Deutschland wieder zu mögen, Berlin cool zu finden und einige Dinge von Deutschland lernen zu wollen. Das war eine Art erster Schritt. Ich gehe mit diesem Buch einen zweiten, betrete tiefere Gefilde und zeige auch andere Seiten Deutschlands, die in den Niederlanden bisher unbekannt waren.

Woher kommt die Leidenschaft für Deutschland?

Ich war als Kind oft im Urlaub in Deutschland. Aber das ist weniger besonders. Das machen viele Niederländer. Als ich 16 war, fuhren wir mit der Schule eine Woche nach West-Berlin und ich dachte damals sofort, dass man in Berlin alles findet, was man wissen möchte. Ich hatte ein ungemeines Interesse für Geschichte und in Berlin ist auch heute noch beinah jede Ecke geschichtsträchtig. Ich war tief beeindruckt von dieser Stadt und als ich zu späterer Zeit einen einjährigen Auslandsaufenthalt machen durfte, den viele meiner Mitschüler für einen Verbleib in Amerika nutzen um die englische Sprache zu lernen, ging ich für ein Jahr nach West-Berlin. Aus einem Jahr sind drei Jahre geworden. Ich habe in Berlin Abitur gemacht. Wenn man sich einmal richtig für etwas interessiert, bleibt die Neugier bestehen. Man möchte immer mehr wissen. Und als ich dann später für die NOS tätig war, ließ sich dies gut kombinieren. Mein Beruf als Journalist und die Leidenschaft für Berlin und Deutschland. Als Niederländer in Deutschland besitzt man eine Art ideale Identität. Die meisten Deutschen mögen uns, auch wenn sie nicht viel über die Niederlande wissen und sie mit Klischees wie Wohnwagen und Coffeeshops belegen. Viele Deutsche betrachten die Niederlande als utopisches Land, das ihrem eigenen Land ähnelt, in dem aber viele Dinge grundlegend anders sind: die niederländische Lockerheit und die großen Freiheiten die man hierzulande genießt, sind dafür klassische Beispiele.

Sie besprechen in diesem Buch auch die wirtschaftlichen Erfolge der letzten Jahre in Deutschland, die sogenannten Hidden Champions, Deutschlands gute Wirtschaftsbeziehungen zu China. Zugleich beschreiben Sie allerdings auch die Kehrseite des Glücks.

Als Korrespondent ist es nicht schwer, schöne Geschichten über Deutschland zu erzählen: Der Exportweltmeister und der überaus erfolgreiche deutsche Mittelstand. Was jedoch viele Niederländer nicht wissen ist, dass in Deutschland erst vor zwei Jahren ein Mindestlohn eingeführt wurde. Viele meiner Kollegen bei der NOS in Hilversum konnten zunächst nicht glauben, dass es in Deutschland lange keinen Mindestlohn gab. Von einem Land mit großer sozialdemokratischer Prägung und starken Gewerkschaften hatte man das nicht erwartet. Hinzu kommt die beginnende Minijob-Kultur, der wachsende Zeit- und Leiharbeitssektor und die Altersarmut. Alles Entwicklungen, die man bei einem Blick über die Ostgrenze nicht für möglich gehalten hätte. Ein Mal pro Jahr wird in deutschen Zeitungen der Armutsbericht der BRD veröffentlicht. Es ist auffällig, dass mit Ausnahme der SPD, die einen Mindestlohn durchgesetzt hat, keine andere Partei diesen Entwicklungen viel Aufmerksamkeit widmet. Menschen, die in Deutschland unter der Armutsgrenze leben, machen schließlich einen großen Teil potentieller Wähler aus.

Die Menschen, die in Deutschland unter der Armutsgrenze leben und denen seitens der Politik unzureichend Beachtung geschenkt wird, bezeichnen Sie als typisches Beispiel für den Riss zwischen politischer Elite und den Bürgern. Ist das wirklich ein typisches Merkmal der deutschen Gesellschaft?

Sicher besteht dieses Problem in anderen Ländern auch. In einem so wohlhabenden Land wie Deutschland fällt es jedoch besonders auf.

Am Ende Ihres Buches beschreiben sie die Position Deutschlands auf europäischer Ebene. Sie schlussfolgern, dass sich Führungsqualitäten "Made in Germany" erst noch entwickeln müssen. Wie können wir uns typische Elemente deutscher Führung in Europa vorstellen?

Eine solche deutsche Führung darf sich nicht darüber definieren, dass man sich selbst auf die Schulter klopft, sondern dass man den anderen Ländern auch das Gefühl gibt Entscheidungen mitbestimmen zu können. Das gelingt Angela Merkel recht gut. In Deutschland besteht auf europäisch-politischer Ebene keine Tradition des sich in den Vordergrund Spielens. Führung bedeutet nicht nur Verantwortung. Andere Länder müssen von politischen Entscheidungen überzeugt werden. Das ist eine schwere Aufgabe. Deutschland wird stets mehr in diese Rolle gedrängt.

Ich habe heute einmal nach deutschen Autoren recherchiert, die sich mit wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklungen in den Niederlanden beschäftigen. Ich konnte leider kein entsprechendes Buch finden. Sind die Niederlande, abgesehen von der engen wirtschaftlichen Zusammenarbeit, in Deutschland weniger interessant?

Deutschland hat mehr Nachbarländer. Die Niederlande dagegen nur zwei. In Deutschland wird viel mehr über Länder wie Frankreich oder Italien geschrieben - beliebte deutsche Reiseziele. Trotzdem gibt es auch einige Bücher, die kulturelle und wirtschaftliche Entwicklungen in den Niederlanden thematisieren, jedoch ist dann meist von den BENELUX-Ländern die Rede. Schauen wir uns die Berichterstattung deutscher Zeitungen über die Niederlande an, fällt auf, dass diese auf einige wenige Themen wie Drogen, Euthanasie, Geert Wilders oder das niederländische Königshaus begrenzt sind. 

 Das Interview mit Wouter Meijer führte Christian Hauska


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